Annkatrin, direkt nach dem Masterstudium für den ASB nach Mittelamerika zu gehen, war eine mutige Entscheidung. Wie kam es dazu?
Zwischen meinem Bachelor in Politikwissenschaft und meinem Master in Friedens- und Konfliktforschung habe ich ein Jahr in Kolumbien gearbeitet, also konnte ich schon Spanisch sprechen. Die Stelle beim ASB-Lateinamerika in Managua hat mich sofort angesprochen, weil sie sowohl praktische Arbeit wie Workshops mit Partnerorganisationen und Reisen in die Region als auch theoretische Arbeit wie die Antragsstellung und das Berichtswesen vereint.
Wie war die Anfangszeit dort für dich? Wie hast du dich eingelebt?
Ich habe mich schnell eingelebt, da ich vor Ort sehr gut aufgenommen wurde. Das ASB-Team ist sehr freundlich, alle sind hilfsbereit und offen. Mit meinem Auto konnte ich das kleine Land gut erkunden und ein bisschen aus der Blase der internationalen Fachkräfte, die in Managua leben, herauskommen. Um in Nicaragua tätig zu sein, muss der ASB eine Fülle administrativer Auflagen seitens der Regierung erfüllen. Das macht die Arbeit als internationale Fachkraft für eine Hilfsorganisation nicht immer einfach.
Wie war die Anfangszeit dort für dich? Wie hast du dich eingelebt?
Ich bin auf jeden Fall entspannter geworden, denn es ist ja schon so, dass die Menschen dort etwas anders ticken. Außerdem gibt es in Nicaragua andere Lebensrhythmen. Zum Beispiel musste ich morgens viel früher aufstehen, weil in Managua die Sonne kurz vor fünf Uhr aufgeht und die Menschen wach und aktiv sind. Abends geht man früher ins Bett, weil die Sonne um 18 Uhr untergeht, und dann ist ab 21 Uhr wirklich Ruhe.
Das klingt spannend. Kommen wir auf die Schwerpunkte deiner Arbeit zu sprechen. Warum habt ihr das Projekt zu Migration und Bleibeperspektiven ins Leben gerufen?
Wir haben mit sechs Partnerorganisationen ein Migrationsprojekt im Länderdreieck zwischen Guatemala, El Salvador und Honduras umgesetzt. Als wir das Projekt 2019 geplant haben, war das große Problem, dass viele Menschen aus dieser Region abgewandert sind, weil sie dort keine Perspektive gesehen haben. Die Region hat große Schwierigkeiten mit Armut und Arbeitslosigkeit, eine hohe Gewaltrate und es herrscht ein Gefühl der öffentlichen Unsicherheit. Hinzu kommen korrupte Strukturen und auch die Folgen des Klimawandels, der immer wieder zu Dürren oder Überschwemmungen führt. Das Länderdreieck liegt inmitten des zentralamerikanischen Trockenkorridors, und die ländliche Bevölkerung ist besonders stark vom Klimawandel betroffen. Viele Menschen wollen einfach nicht mehr dort bleiben. Sie versuchen, über Mexiko in die Vereinigten Staaten zu gelangen.
Wie genau habt ihr versucht, die Situation zu verbessern?
Wir haben darüber nachgedacht – wer sind die Menschen, die migrieren, und warum sehen sie keine andere Möglichkeit? – und haben drei Ziele definiert, um den Menschen zu helfen. Das erste Ziel war, die Verwaltungsstrukturen zu stärken. Denn viele Mitarbeiter:innen in den Stadtverwaltungen sind überhaupt nicht für die Themen Migration und Bleibeperspektiven sensibilisiert. Deshalb haben wir einen Ausbildungskurs umgesetzt, um die Mitarbeiter:innen der Stadtverwaltungen, Bibliotheken, Gesundheitszentren zu schulen. Wichtig war uns, dass das Thema Migration und Bleibeperspektiven auf die Tagesordnung kam. Denn bis dahin wurde wenig getan, um die Situation der Menschen vor Ort zu verbessern.
Der zweite Aspekt war die finanzielle Stärkung einzelner Personen. Wir haben rund 70 kleine Start-ups wie Cafés, Deko-Unternehmen oder Schuhhersteller mit Schulungen unterstützt. Die Gründer:innen konnten zum Beispiel lernen, wie sie einen Businessplan aufstellen. Wir haben ihnen auch Startkapital zur Verfügung gestellt und sie in der Gründungsphase intensiv begleitet. Darüber hinaus haben wir Bildungseinrichtungen geschaffen, wo die Menschen einen berufsbildenden Kurs belegen konnten, zum Beispiel in Schneiderei, Elektrik oder Tischlerei.
Der dritte Bereich betrifft die friedliche Konfliktlösung und die Förderung einer Friedenskultur. Wir haben verschiedene Aktionen wie Sportangebote, Kunstangebote und Theaterstücke organisiert, um damit über Migrationsrisiken aufzuklären und die Identifikation mit der lokalen Kultur zu stärken.
Würdest du sagen, dass ihr erste Erfolge erzielt habt?
Ein Erfolg ist natürlich, dass wir das Projekt in regionaler Kooperation zwischen den drei Ländern umgesetzt haben. Das ist schon etwas Besonderes. Wir konnten auch feststellen, dass die Migrationsabsicht in der Bevölkerung leicht zurückgegangen ist. Unser größter Erfolg ist aber, dass wir das Thema Migration in den Vordergrund gerückt haben, was vorher in den Gemeinden nicht der Fall war.
Warum, denkst du, ist es wichtig, dass die ASB-Auslandshilfe in Zentralamerika vor Ort ist?
Zentralamerika ist derzeit von zahlreichen Krisen betroffen: Klimawandel und Naturkatastrophen, die schwindende Demokratie in einigen Ländern und die Migrationsströme stellen die Menschen vor große Herausforderungen. Hier können wir auf jeden Fall einen Beitrag zur Unterstützung der Bevölkerung leisten. Darüber hinaus sehe ich uns als ASB auch in der Rolle, noch mehr Menschen vor Ort Zukunftsperspektiven zu geben.